Briefe eines Generals – das Familienarchiv Wille sichtbar machen
Mit der Schenkung des Archivs der Familie Wille an die Zentralbibliothek Zürich (ZB) wird ein bedeutender Quellenbestand erstmals öffentlich zugänglich. Es enthält den Nachlass des umstrittenen Generals Ulrich Wille. Doch die Dokumente reichen weit über militärische Akten hinaus: Sie geben Einblick in die Beziehungen und Lebenswelten einer einflussreichen Zürcher Familie im 19. und 20. Jahrhundert.
Die Familie Wille hat der Zentralbibliothek Zürich ihr sorgfältig geführtes Privatarchiv geschenkt, damit dieses bewahrt und für wissenschaftliche Forschung genutzt werden kann. Seitdem wurde der umfangreiche Archivbestand erschlossen und am 31. Januar 2025, zum 100. Todestag von General Ulrich Wille, für Forschende und die interessierte Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Bestand kann nun auf ZBcollections recherchiert werden und ist weitgehend frei von Schutzfristen einsehbar.
General Ulrich Wille – eine umstrittene Figur
Das bürgerliche Geschlecht der Wille, ursprünglich Vuille genannt, stammt aus La Sagne im heutigen Kanton Neuenburg. Im 18. Jahrhundert siedelte ein Teil der Familie in das Heilige Römische Reich über. Zum wohl prominentesten Vertreter dieses Familienzweigs wurde Ulrich Wille (1848–1925), der im Ersten Weltkrieg der Schweizerischen Armee als General vorstand.
Ulrich Willes beruflicher Aufstieg verlief zwar steil, jedoch nicht ohne Rückschläge
Ulrich Wille, am 5. April 1848 in Hamburg geboren, wuchs nach dem Umzug der Familie in die Schweiz auf dem Gut Mariafeld in Feldmeilen auf. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften, das er mit einer Promotion abschloss, schlug er die militärische Laufbahn ein. In der Armee war er unter anderem als Instruktionsoffizier für die Ausbildung von Soldaten zuständig. Ulrich Willes beruflicher Aufstieg verlief zwar steil, jedoch nicht ohne Rückschläge: 1896 wurde er nach einem Konflikt um eine Beförderung eines Offiziers vom Bundesrat als Waffenchef der Kavallerie entlassen. Nach seiner Rehabilitierung im Jahr 1901 stieg Wille, unterstützt durch seine Befürworter, bis zum Korpskommandanten auf und wurde sogar Professor für Militärwissenschaften an der ETH Zürich.
Hier gehts zu einem Stummfilm zum «Kaisermanöver», das 1912 unter der Leitung Ulrich Willes während des Besuchs des deutschen Kaisers Wilhelm II. in der Schweiz stattfand, 3.9.1912. Pathé frères / Welt-Kinematograph, VBS/DDPS.

Sowohl in seinen grundlegenden Schriften als auch in seinem militärischen Wirken orientierte sich Ulrich Wille am Vorbild der preussisch-deutschen Soldatenerziehung, die Drill und eine starke Offiziersautorität vorsah. Mit diesen Methoden wollte er eine kampffähige Milizarmee ausbilden. In seinem Staatsverständnis lag die zentrale Aufgabe des männlichen Bürgers im Wehrdienst. Während diese Haltung bei grossen Teilen des Bürgertums und des Offizierskorps Anklang fand, wurde sie vor allem von der politischen Vertretung der Arbeiterschaft sowie teilweise in der Westschweiz abgelehnt. Auch Ulrich Willes Nähe zum Deutschen Reich wurde von vielen kritisiert.
Trotz der Widerstände aus dem Parlament setzte sich Ulrich Wille mit Unterstützung des Bundesrats gegen den Kandidaten Theophil Sprecher von Bernegg durch und wurde am 3. August 1914 zum General der Schweizerischen Armee ernannt. Theophil Sprecher, ebenfalls ein hochrangiger Offizier, zog sich im Verlauf der Wahl zurück – die Gründe dafür sind bis heute umstritten. Stattdessen blieb er in seinem bisherigen Amt als Generalstabschef, nun an Ulrich Willes Seite.

Ein Buch sorgt für Aufsehen
Eine Kontroverse um General Wille entfachte in den 1980er Jahren das Buch des Journalisten Niklaus Meienberg, Die Welt als Wille und Wahn. Gestützt auf Briefe Ulrich Willes an seine Frau Clara Wille-von Bismarck entwarf Meienberg das Porträt eines antidemokratischen, deutschfreundlichen und im Laufe seiner Amtszeit zunehmend senilen Generals. Das Buch, das nach seiner Erscheinung 1987 zum Bestseller wurde, löste eine hitzige Debatte nicht nur über die Rolle des Generals im Ersten Weltkrieg, sondern auch über Archivpolitik und Methoden der Geschichtsschreibung aus. Meienberg hatte sich nämlich unerlaubt Zugang zu den Quellen verschafft, stützte sich auf eine schmale Quellenbasis und vermischte in seinem journalistischen Zugang Fakten mit fiktiven Elementen.
Viele Fragen um General Wille sind bis heute nicht abschliessend geklärt – etwa seine Rolle im Landesstreik 1918 oder die Hintergründe seiner Wahl zum General 1914.
Viele Fragen um General Wille sind bis heute nicht abschliessend geklärt – etwa seine Rolle im Landesstreik 1918 oder die Hintergründe seiner Wahl zum General 1914. 2024 erschien zuletzt eine kurze Biografie von Rudolf Jaun zu General Wille, welche die Notwendigkeit weiterer Forschung zu seinem Wirken betonte. Mit der Zugänglichkeit der Quellen steht dieser nun nichts mehr im Weg.
Ein weit verzweigtes Netzwerk
Doch das Familienarchiv Wille birgt nicht nur interessante Quellen zu General Wille: Es dokumentiert über mehrere Generationen hinweg das Beziehungsnetz einer einflussreichen Zürcher Familie mit internationalem Wirkungskreis. In Briefen, Fotoalben und persönlichen Dokumenten werden soziale, politische und wirtschaftliche Netzwerke sichtbar.

Die Eltern Ulrich Willes, der liberale Journalist François Wille (1811–1896) und die Schriftstellerin Eliza Wille, geb. Sloman (1809–1893), emigrierten nach dem Scheitern der demokratischen Bewegung im deutschen Vormärz in die Schweiz. Dort pflegten sie Kontakte zu namhaften Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens der Zeit. Frauen der Familie hatten einen wesentlichen Anteil daran, diesen intellektuellen Austausch zu fördern. So lud etwa Eliza Wille regelmässig prominente Gäste auf den Wohnsitz der Familie in Meilen ein. Im Familienarchiv sind unter anderem Briefe von Richard und Cosima Wagner, Heinrich Heine, Gottfried Keller, Houston Stewart Chamberlain und König Wilhelm I. von Württemberg überliefert. Auch die nachfolgenden Generationen vernetzten sich innerhalb der Zürcher Eliten, etwa Ulrich und Clara Willes Tochter Renée, die den Seidenindustriellen Alfred Schwarzenbach heiratete und deren Tochter Annemarie Schwarzenbach als Schriftstellerin und Fotografin bekannt wurde.

Digitalisierung des Familienarchivs
Manche Dokumente im Bestand des Familienarchivs Wille sind fragil oder erfordern restauratorische Massnahmen zu ihrer langfristigen Erhaltung. Die ZB hat deshalb mit der Restaurierung dieser Dokumente begonnen. Zum Schutz des Archivguts, aber auch zur erleichterten Nutzung digitalisiert die Zentralbibliothek Zürich zudem ausgewählte Dokumente. Die Digitalisate werden laufend auf der Plattform e-manuscripta.ch zur Verfügung gestellt, beispielsweise die Kopierbücher von Ulrich Wille oder die Briefe bekannter Schriftstellerinnen und Künstler an die Familie Wille – etwa Franz Liszt oder Mathilde Wesendonck.
Das Projekt zur Sichtbarmachung des Familienarchiv Wille wird durch die Oscar Fritschi Stiftung, die «Donation Prof. Dr. Maria Bindschedler», Baugarten Zürich, die Fondation Claude et Giuliana und die Fondation Pierre du Bois pour l’histoire du temps présent gefördert. Um die wichtigen historischen Quellen weiter sichtbar zu machen, veranstaltete die ZB im September 2025 eine Citizen-Science-Kampagne: Interessierte konnten bei der Transkription einer Auswahl von Briefen von Ulrich an Clara Wille aus den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs mitwirken. Nach dem Besuch eines Transkriptionsworkshops korrigierten die Citizen Scientists KI-generierte Rohtranskriptionen mit Hilfe des Transkriptionstools von e-manuscripta.ch.
Die Kampagne stiess auf grosses Interesse und konnte bis Ende Jahr nahezu abgeschlossen werden. Die transkribierten Briefe an Clara Wille zeigen in einer sehr persönlichen Perspektive, wie der General das Kriegsgeschehen wahrnahm und seinen Arbeitsalltag sowie Konflikte im Generalstab schilderte. Mit ihrer Arbeit an den Transkriptionen trugen die Citizen Scientists weiter zur Sichtbarkeit des Bestands bei. Diese bildet schliesslich die Grundlage für eine differenzierte und quellenbasierte Auseinandersetzung mit Ulrich Wille und seinem Umfeld.
Maxi Weibel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Handschriftenabteilung







