Verfolgt, vertrieben, vergessen – 500 Jahre Täufertum im Kanton Zürich
Die Ausstellung zeigte die wenig bekannte, aber bewegte Geschichte des Täufertums im Kanton Zürich mit Dokumenten aus dem eigenen Bestand und anderen Institutionen.
Da sich die Zentralbibliothek Zürich (ZB) als eine der massgeblichen Bewahrerinnen und Pflegerinnen des kulturellen Erbes von Zürich versteht, liegt es auf der Hand, dass sie sich bei wichtigen Feierlichkeiten und Jubiläen von Stadt und Kanton Zürich beteiligt. Dazu gehörten in der Vergangenheit beispielsweise die 500. Geburtstage des Reformators Heinrich Bullinger (2004), des Amtsantritts Zwinglis am Grossmünster (2019), des Universalgelehrten Conrad Gessner (2016), der 350. Geburtstag von Johann Jakob Scheuchzer (2022), der 200. Geburtstag des Schriftstellers Conrad Ferdinand Meyer (2025) oder der 150. Todestag des Universitätsgründers Johann Caspar von Orelli (1999).
Per 2025 war ein weiteres Jubiläum angesagt, das in den Bereich der Reformationsgeschichte fällt, und zwar die erste Erwachsenentaufe, die am 21. Januar 1525 in der Limmatstadt vollzogen wurde. Dieses Ereignis stellt nicht nur die Geburtsstunde der Freikirchen in der Schweiz dar, sondern auch die Amischen und Mennoniten führen ihre Geschichte darauf zurück. Die meisten von ihnen leben heute in Nordamerika, weshalb wir schon Jahre vor dem Jubiläum aus Übersee kontaktiert worden sind, ob wir als ZB auch Veranstaltungen vorbereiten würden. Dabei stellte sich als sehr hilfreich heraus, dass ich während zwei zweiwöchigen Forschungsreisen 1999 und 2001, die zum Teil von der ZB finanziert wurden, verschiedene wichtige Personen der Amischen und Mennoniten in den USA kennen lernen konnte. Meine Aufgabe bestand damals darin, ein Inventar der zahlreichen Zürcher Froschauer-Bibeln zu erstellen, die mit täuferischen Glaubensflüchtlingen im 18. und 19. Jahrhundert aus der Schweiz nach Amerika gelangt waren. Schliesslich wurde damals nach Hunderten von Autokilometern und dem persönlichen Besuch vieler Sammler und Sammlungen klar, dass rund ein Drittel der mittlerweile seltenen Froschauer-Bibeln in Nordamerika aufbewahrt werden. Heute erzielen diese Stücke auf Auktionen in den USA und in Kanada unter täuferischen Sammlern Spitzenpreise. Als Folge dieser Reisen und Kontakte konnten in den letzten 20 Jahren nicht zuletzt verschiedene wertvolle alte Drucke für die Zentralbibliothek Zürich erworben werden.
Neben der Ausstellung in der Schatzkammer wurde eine zweibändige umfangreiche Quellensammlung (ca. 2'100 Seiten) von Dokumenten zur Zürcher Täufergeschichte bis 1636 erarbeitet.
Drei Jahre Vorbereitung und ausgebuchte Vernissage
Seit 2022 liefen die Vorbereitungen für das besagte Jubiläum auf Hochtouren. Neben der Ausstellung in der Schatzkammer wurde eine zweibändige umfangreiche Quellensammlung (ca. 2'100 Seiten) von Dokumenten zur Zürcher Täufergeschichte bis 1636 erarbeitet. Die Texte stammen aus dem reichen Fundus des Staatsarchivs und der ZB. Darüber hinaus entstand mit Hilfe des Schweizer Fernsehens der Dokumentarfilm «Kinder des Friedens». Das gleichnamige Buch diente als Begleitpublikation für den Film und die Ausstellung in der ZB. Insgesamt wurden von diesem über 200 Seiten umfassenden Werk mit vielen Abbildungen fast 700 Exemplare verkauft (130 in der ZB).
Die Ausstellung «Verfolgt - vertrieben - vergessen: 500 Jahre Täufertum im Kanton Zürich» eröffnete mit einer völlig ausgebuchten Vernissage am 13. März 2025 im Hermann-Escher-Saal der ZB. Nach Begrüssungen der damals frisch gewählten Direktorin Dr. Priska Bucher und von Dr. Jürg Bräker (Sekretär der Konferenz der Schweizer Mennoniten), hielt der Historiker und Mennonite Dr. Hanspeter Jecker ein spannendes Referat über die Geschichte der Täuferbewegung. Die gelungene Vernissage wurde von den Musikerinnen Anna Noëlle Amstutz und Carolin Margraf mit Stücken aus dem Barock umrahmt.
Damit die Besuchermassen bewältigt werden konnten, wurden die Türen nur alle halbe Stunde geöffnet, um den nächsten Menschenscharen Einlass zu gewähren.
Die Geschichte einer verfolgten Minderheit skizzieren
Ziel der Ausstellung war es, den Zürchern ein Stück ihrer Geschichte nahe zu bringen, die die meisten nicht kennen, ja von der viele in ihrem Leben noch nie etwas gehört hatten. Demensprechend folgten die Exponate einer chronologischen Erzählung, die den theologisch nicht immer einfachen Stoff vermittelte. Es galt, die Geschichte einer verfolgten Minderheit zu skizzieren, die 1525 ihren Anfang nahm und etwa 1680 aus dem Kanton Zürich völlig vertrieben war. Viele Familien flüchteten nach Zwischenstationen im Elsass und in der Pfalz in die damals tolerantere Neue Welt, wo sie bis heute beispielsweise als Hoover (ehemals Huber), Graybill (ehemals Krähenbühl) oder Luthy (ehemals Lüthi) leben.
Die Ausstellung wurde von rund 2'800 Personen besucht, womit sie zu einer der am besten frequentierten Ausstellungen in der Geschichte der Zentralbibliothek Zürich gehört. Besonders anlässlich des sogenannten Täufertags, der von der reformierten Kirche und der mennonitischen Weltkonferenz am 29. Mai 2025 organisiert worden war, strömten die Besucherinnen und Besucher sechs Stunden lang pausenlos in die Schatzkammer. Damit die Besuchermassen bewältigt werden konnten, wurden die Türen nur alle halbe Stunde geöffnet, um den nächsten Menschenscharen Einlass zu gewähren. Auch die rund 50 Führungen durch die Ausstellung sowie die flankierend angebotenen täufer- und reformationsgeschichtlichen Stadtspaziergänge waren bis zum Schluss am 14. Juni durchweg ausgebucht.
Internationaler Kongress und grosses Echo in den Medien
Flankierend zu den beschriebenen Veranstaltungen beteiligte sich die ZB an einem internationalen wissenschaftlichen Kongress zur Täufergeschichte, der vom 2. bis 4. Juni 2025 am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich unter der Leitung von Prof. Dr. Tobias Jammerthal abgehalten wurde. Auch dort waren überdurchschnittlich viele Zuhörer anwesend, so dass der Hörsaal mit der Nummer 200 stets gut belegt war. Die Referate werden in der Fachzeitschrift «Zwingliana» 2026 und 2027 publiziert. Auch das Echo der Medien war nennenswert, so dass der Schreibende nicht nur in der Hauptausgabe der «Tagesschau», sondern auch in zwei Sendungen des Tessiner Fernsehens zu sehen und in verschiedenen Radiobeiträgen zu hören war.
Urs Leu
Leiter Abteilung Alte Drucke und Rara
Kurator der Ausstellung «Verfolgt, vertrieben, vergessen – 500 Jahre Täufertum im Kanton Zürich»