Ausstellung

Wind und Wetter - Das Klima in Zürich seit der Steinzeit

Am 2. August 2022 jährte sich der Geburtstag des Zürcher Arztes und Universalgelehrten Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) zum 350. Mal. Der grosse Sohn Zürichs ist den meisten Leuten lediglich von der Scheuchzerstrasse im Kreis 6 her bekannt. Grund genug, ihn und seine Verdienste in Erinnerung zu rufen, zumal sich fast sein gesamter handschriftlicher und gedruckter Nachlass in der Zentralbibliothek Zürich befindet. Zudem kommt uns als Stätte der kulturellen Gedächtnispflege von Stadt und Kanton Zürich auch eine gewisse Verantwortung zu, dass Menschen, die die Geistesgeschichte Europas mitprägten, nicht in Vergessenheit geraten. Auch die Forschung gilt es auf unsere Schätze aufmerksam zu machen, die zum Teil seit Jahrhunderten in unseren Magazinen schlummern und die darauf warten, gehoben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.

Rechtzeitig zu Scheuchzers Geburtstag erschien die von der ZB Zürich und vom Kulturdepartement der Stadt Zürich finanzierte Biographie über den Zürcher Gelehrten im Chronos-Verlag. Wenig später, am 29. September, fand die Vernissage zur Ausstellung «Wind und Wetter – Das Klima in Zürich seit der Steinzeit» statt, die an Scheuchzer erinnern sollte. Im Unterschied zu anderen Arbeiten in Fachgebieten, auf denen Scheuchzer ebenfalls tätig war, wurden seine meteorologischen Studien von der Forschung bis heute nahezu gänzlich übersehen. Dabei war er doch der erste, der bei der Wasserkirche an der Limmat eine Pegelstandsanzeige anbringen liess und zweimal täglich Messungen mit Barometer, Pluviometer und Thermometer vornahm. Auch war er es, der die weltweit erste alpine Wetterstation auf dem Gotthard einrichtete, die damals von den dortigen Kapuzinern bedient wurde.

  • Abb. 1: Portrait von Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733), 1734 gemalt von Hans Ulrich Heidegger, ZB Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Inv. 39.
  • Abb. 2: Beobachtung des doppelten Regebogens aus: Johann Jakob Scheuchzer: Kupferbibel, Bd. 1, Augsburg 1731, Taf. 66, ZB Zürich, Abteilung Alte Drucke und Rara, NLE 3.
  • Abb. 3: Scheuchzers Barometer, eingebaut in einen Spazierstock, als Figur V, in: Johann Jakob Scheuchzer: Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweitzerlands, 3. Theil, Zürich 1708, Tafel nach S. 160, ZB Zürich, Abteilung Alte Drucke und Rara, 6.54.
  • Abb. 4: Meteorologische Messdaten Scheuchzers zum Juni 1718, ZB Zürich, Handschriftenabteilung, Ms Z VIII 1, S. 280.

Die Ausstellung im Predigerchor ging aber weit über Scheuchzer hinaus und nahm seine meteorologischen Arbeiten zum Anlass, grundsätzlich nach Klimadaten für Zürich zu fragen, und zwar von der Jungsteinzeit (Pfahlbausiedlungen) bis in die Gegenwart. So startete der Rundgang durch Zürichs Klimageschichte mit grundsätzlichen Ausführungen zu wetterbildenden Faktoren und führte die Besucher anschliessend zur Entdeckung kälterer erdgeschichtlicher Perioden im 19. Jahrhundert mit dem berühmten Lebensbild Zürichs zur Eiszeit von Oswald Heer (1809–1883). Weiter ging es zu einem Bodenprofil der Unterwasserarchäologie, das den Beginn einer Warmzeit vor etwa 8'000 Jahre markierte, und zu mittelalterlichen Quellen über Europa, die auch ihre Gültigkeit für die damalige Eidgenossenschaft haben. Ein Blickfang, vor allem für jüngere Besucher, waren die verschiedenen ausgestopften Vögel, die im 16. und 17. Jahrhundert in der Eidgenossenschaft heimisch waren, infolge der beginnenden Kleinen Eiszeit aber verschwanden. Über das Gletscherwachstum des 17. Jahrhunderts und die Leistungen Scheuchzers gelangten die Besucher zu den meteorologischen Daten, die in der Stadt Zürich im 18. und 19. Jahrhundert erhoben wurden, ab etwa 1760 standen Thermometer zur Verfügung, deren Daten wir heute auswerten können. Den Abschluss der Ausstellung bildeten die klimaprägenden Vulkanausbrüche des Tambora und Krakatau sowie ein Rückblick auf die verschiedenen «Seegfrörnen» und ein Überblick über das heutige Wetterstationsnetz von MeteoSchweiz.

Die Ausstellung wurde von über 1'500 Besuchern gesehen und erfreute sich grossen Zuspruchs, wie die Kommentare im Benutzerbuch beweisen. Anlässlich von über 30 Führungen, einer Podiumsdiskussion mit führenden Klimatologen und drei hervorragenden Abendvorträgen wurde das Thema vertieft. Auch das Presse-Echo war gut, es sei an dieser Stelle lediglich auf den dreiseitigen Artikel in der Limmattaler Zeitung und den ganzseitigen Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung hingewiesen.

Dr. Urs Leu
Leiter Abteilung Alte Drucke und Rara

«Wind und Wetter – Das Klima in Zürich seit der Steinzeit»
Schatzkammer der Zentralbibliothek Zürich
1. September – 9. Dezember 2022